Die Chronik wird chronisch

21. Februar 2012

Neuerungen sind verdächtig. Vor allem auf Facebook. Jetzt geistert seit ein paar Monaten die so genannte Chronik durchs Gesichterbuch. Sie ist neu. Sie ist verdächtig. Oder?

Viele meiner Freunde haben ihr Profil bereits auf das neue Layout aka die „Chronik“ umgestellt. Es sieht cool aus. Man kann gestalten, und das Profil avanciert von der schlichten, Twitter-mäßigen Liveticker-Optik zu einer ansprechenden, eher Blog-mäßigen Seite.

Wie gesagt, viele meiner Freunde haben die Chronik schon. Ich nicht. Mir ist das Ding suspekt, wozu auch das Werbevideo beiträgt, das suggeriert, mein KOMPLETTES LEBEN sei mit Einführung der Chronik öffentlich abrufbar. Warum Facebook das für ein überzeugendes Argument hält, ist mir schleierhaft.

Noch ein Argument gegen die Chronik: Hat man sich einmal dafür entschieden, gibt es kein Zurück mehr zum guten alten Profil. Point of no return.

Das stärkste Argument für die Chronik in meinen Augen: Sie kommt sowieso. „Im Laufe des Februar“, heißt es aus angeblich gut unterrichteten Kreisen, werden alle Profile auf die Chronik umgestellt. Jeden Morgen diese Spannung beim Einloggen: Bin ich noch retro?

Dass mein „gesamtes“ Leben mit der Chronik plötzlich öffentlich wird, das stimmt im Übrigen nicht. Meine Datenschutz-Einstellungen übernimmt die Chronik aus dem alten Profil. Sichtbar ist nur, was vorher auch sichtbar war. Nur: Es ist jetzt viel besser findbar.

Alte Statusmeldungen seit Anbeginn meiner Facebook-Zeiten werden im oberen rechten Bereich meiner Chronik anhand einer Art senkrechtem Zeitstrahl dargestellt. Ein Klick auf eine Jahreszahl, und ich (sowie meine Facebook-Freunde) kann in alten Facebook-Erinnerungen schwelgen. Aber damit nicht genug: Ein Klick auf „2000“, und mein Hochschul-Abschluss wird angezeigt. Ein Klick auf „die 80er“, und der geneigte Betrachter kann erfahren, in welchem Jahr ich die Grundschule verlassen habe. Wenn ich das irgendwann einmal dem Facebook anvertraut habe.

Wer sich für die Chronik entscheidet, tut also gut daran, noch einmal zu überprüfen, was er im Laufe der Zeit so alles ausgeplaudert hat und was bislang in den unendlichen Weiten der Timeline vor sich hin schlummerte.

Man kann jeden einzelnen alten Beitrag löschen. Und man hat sieben Tage Zeit, sich in der Chronik zurechtzufinden und sie sich schön einzurichten, ehe sie auch den anderen Nutzern angezeigt wird. Cool, modern und hoffentlich frei von halb vergessenen Peinlichkeiten.

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